Kundenbindung mal anders Karussellpferd statt Lederstuhl: Dieser Friseur setzt auf Kinder

Popcorn, Heliumballons und ein Raum im Zirkus-Look – der Salon "Haarscharf" in Güntersleben hat einen eigenen Bereich nur für Kinder eingerichtet. Das Konzept hilft ängstlichen Kindern, nimmt Eltern den Stress und macht den Betrieb zum Gesprächsthema. Wie Inhaber Jürgen Meier aus einem aufgegebenen Dekoladen eine Manege gemacht hat.

Inhaber Jürgen Meier vor der farbenfrohen Zirkus-Wandgestaltung in seinem Salon.
Inhaber Jürgen Meier vor der farbenfrohen Zirkus-Wandgestaltung in seinem Salon. - © Tara Jolie Sommer

Güntersleben wirkt an diesem Donnerstagnachmittag ruhig. Nur wenige Passanten sind in der unterfränkischen Gemeinde nördlich von Würzburg unterwegs. Und doch zieht der Friseursalon von Jürgen Meier hier regelmäßig die Aufmerksamkeit auf sich.

"Herzlich willkommen" steht in weißer Kreide auf einer kleinen schwarzen Tafel im Eingangsbereich. Nach wenigen Stufen teilt sich der Weg. Auf der linken Seite liegt die langgezogene Empfangstheke, dahinter ein moderner Salonraum für Erwachsene. Auf der rechten Seite liegt der Raum, der den Friseursalon zum Gesprächsthema macht. Statt schlichten Spiegeln und klaren Linien ist hier Zirkus angesagt: ein selbstgenähtes Zirkuszelt ist Spiel- und Wartebereich zugleich. Bunte Tierfiguren schmücken die Wände, von der Decke hängen Luftballons in allen Farben. "Wir wollten etwas thematisieren, das für Mädchen und Jungen gleichermaßen interessant ist. Und dann sind wir auf das Thema Zirkus gestoßen", erklärt Jürgen Meier.

Früher Dekoladen, heute Manege

Zwischen Leuchtspiegel und Popcorn-Deko. Friseurin Lina Slepinski (r.) arbeitet mit Kamm und Schere am Haar von Jonathan (l.).
Zwischen Leuchtspiegel und Popcorn-Deko. Friseurin Lina Slepinski (r.) arbeitet mit Kamm und Schere am Haar von Jonathan. - © Tara Jolie Sommer

Seit 2018 gibt es den besonderen Raum, in dem ausschließlich Kinder und manchmal auch deren Eltern Platz nehmen dürfen. "Früher war hier ein Dekorationsladen drin", sagt der 54-Jährige. "Den haben wir aber aufgegeben und überlegt, was wir daraus machen könnten. Und dann kam meine Tochter auf die Idee mit dem Kindersalon."

Die Eingangstür öffnet sich: Es ist der fünfjährige Jonathan mit seiner Mutter. Der Inhaber begrüßt die beiden und bittet sie schon einmal in den Salon. Ab dann übernimmt Stylistin Lina Slepinski (26). Sie arbeitet seit 2021 bei Haarscharf, hier hat sie auch ihre Ausbildung gemacht. Routiniert schiebt sie ihren Friseurwagen durch den Empfangsbereich und weiter in den Kindersalon.

Jonathan kennt den Raum schon und weiß, wo er heute sitzen möchte. Zur Auswahl steht kein schwarzer Lederstuhl, sondern ein Karussellpferd, ein Motorrad, eine Lokomotive oder ein roter Kinderstuhl. Jonathan will heute auf den roten Stuhl. Der blaue Umhang mit Motorradmotiv wird umgelegt. Vom Inhaber gibt es ein Holzbrett. Darauf: eine Capri-Sonne und eine kleine Schüssel Popcorn. Der süßliche Duft zieht durch den Raum. Jonathan lächelt. Vom Stuhl aus reicht er nicht ganz heran, aber Mama hilft.

Vorsichtig nähern zwischen Motorrad und Lokomotive

"Wie sollen die Haare heute werden?", fragt Lina. Nach kurzer Abstimmung greift sie zu Kamm und Schere und legt los. Strähne für Strähne fallen die braunen Haare auf den Holzboden. Jonathans Blicke kreisen: vom Spiegel zu den Tieren, von den Luftballons zum Popcorn. Was den kleinen Kunden freut, ist für die Friseurin eine gewohnte Herausforderung: sauber schneiden an einem Kopf, der sich ständig bewegt.

Friseurin Isabell Lef (r.) setzt bei dem neunjährigen Julius (l.) die Haarschneidemaschine an.
Friseurin Isabell Lef (r.) setzt bei dem neunjährigen Julius die Haarschneidemaschine an. - © Tara Jolie Sommer

"Bei Kindern muss man einfühlsamer sein", sagt Lina Slepinski. "Gerade wenn sie das erste Mal da sind, da kommt eine fremde Person mit einer Schere, und das ist für viele erst mal beängstigend." Vorsichtig arbeitet sie weiter. Nach rund 20 Minuten ist der Haarschnitt fertig. Es folgt die Belohnung: ein gelber Heliumballon, eine rot-weiß gestreifte Popcorntüte und ein Griff in die Überraschungskiste. Dann geht es zur Kasse und für Lina auf zum nächsten Termin zurück in den Erwachsenenbereich.

Wenig später übernimmt Isabell Lef (50) den Kindersalon. Seit vier Jahren arbeitet sie bei Haarscharf und betreut ebenfalls regelmäßig Kinderhaarschnitte. Diesmal ein Doppelpack-Termin: die Brüder Julius (9) und Theodor (7). Der ältere Bruder beginnt. Er wählt das rote Motorrad als Friseurstuhl, passend dazu den blauen Umhang mit Motorradmotiv. Theodor verkürzt sich die Zeit im Zirkuszelt. Wieder gibt es Popcorn und Capri-Sonne für die zwei. Ob Kinder etwas Süßes bekommen dürfen, klärt der Inhaber vorab mit den Eltern. Bei Julius kommt heute auch die Haarschneidemaschine zum Einsatz. Ein leises Brummen füllt den Raum. Julius kennt das schon von früheren Besuchen. Wenige Minuten später ist es geschafft, doch die kleinen Haare kitzeln am Hals. Isabell greift zum großen roten Pinsel und entfernt sie mit geübten Bewegungen. Ein warmes, feuchtes Tuch für den Nacken rundet den Besuch ab.

"Gezwungen wird hier niemand"

Dann ist Theodor an der Reihe. Anders als beim großen Bruder sind seine Mundwinkel leicht nach unten gezogen. Zögerlich lässt er sich mit Unterstützung seiner Mutter Emma in die gelbe Lokomotive setzen. Im Kinderbereich gelten klare Grundsätze. "Wenn ein Kind wirklich nicht will und es einen auch nach einer gewissen Zeit nicht an sich ranlässt, dann wird es auch nicht dazu gezwungen", betont Jürgen. "Auf unserer Homepage geben wir Tipps, wie Eltern ihr Kind auf den Friseurbesuch vorbereiten können."

Außergewöhnliche Sitzgelegenheiten: Zirkuspferd und Motorrad statt klassischer schwarzer Lederstühle.
Außergewöhnliche Sitzgelegenheiten: Zirkuspferd und Motorrad statt klassischer schwarzer Lederstühle. - © Tara Jolie Sommer

Die Lokomotive wird etwas höher gepumpt. Die Mutter sorgt für Ablenkung. Isabell beginnt, die Haare vorsichtig durchzukämmen: "Das mache ich ganz gerne, um die Kinder ein bisschen an die Situation zu gewöhnen." Nach etwas Zeit darf auch die Schere zum Einsatz kommen. Gerade für Kinder, die sonst Probleme beim Friseur haben, sei der Raum eine Hilfe. Das findet auch Emma: "Hier wird sehr individuell auf die Kinder eingegangen. Es ist ruhig, entspannt und natürlich ein echtes Erlebnis." Wenig später ist auch Theodors Haarschnitt beendet. Beide Brüder erhalten zum Abschied einen gelben Heliumballon und greifen in die Überraschungskiste.

Abbruch ohne Rechnung – eine bewusste Entscheidung

Doch nicht jeder Termin läuft so reibungslos. "Natürlich ziehen wir mit dem Friseursalon auch, ich sag mal, Problemkinder an", erklärt Jürgen Meier. "Da kann es auch mal vorkommen, dass man den Termin abbrechen muss." Für diesen Fall hat das Team eine Regel aufgestellt: "Wird beim ersten Termin abgebrochen, dann muss nicht gezahlt werden, und es kann ein Folgetermin ausgemacht werden, um es noch einmal zu probieren."

An diesem Nachmittag war das nicht nötig. Isabell Lef schiebt den Friseurwagen zurück in den Erwachsenenbereich. Der letzte Kindertermin des Tages ist vorbei. Die Manege schließt – zumindest bis morgen.

Dieser Beitrag ist im Rahmen eines Reportage-Projekts des Master-Studiengangs Fachjournalismus und Unternehmenskommunikation an der Technischen Hochschule Würzburg-Schweinfurt entstanden. Die Deutsche Handwerks Zeitung ist Kooperationspartner für dieses Seminar.